Walter

Nennen wir ihn einfach Walter. Walter ist sicher nicht sein richtiger Name. Aber auch wenn wir seinen richtigen Namen kennen würden, so würden wir uns trotzdem aus Persönlichkeitsrechten ein Pseudonym ausdenken. Also z. B. Walter.
Walter ist Polizist. Genauer gesagt ein Stadtpolizist. Auch so eine italienische Eigenart. Polizia, Polizia comunale, Carabinieri, Guardia di Finanza, wahrscheinlich lässt sich die Liste noch erweitern.
Walter gehört zur Polizia Comunale. Walter ist nicht besonders groß geraten, hat einen gestutzten Ho Chi Min Bart, eine vom Wetter gezeichnete Haut, raucht und trägt im Dienst eine Umhängetasche und eine weiße Schirmmütze.
Begegnet man einem Carabinieri hat man automatisch das Gefühl etwas falsch gemacht zu haben, auch wenn man direkt aus der Kirche kommt. Begegnet man Walter kommt dieses Gefühl nicht auf.
Walters Arbeitsplatz ist ein kleines Dorf in den italienischen Dolomiten. Ein Dorf mit 600 Einwohnern, ohne Touristen. Walters Arbeit besteht mehr aus Präsenz als aus echter Polizeiarbeit, was auch immer echte Polizeiarbeit sein mag.
Ich kenne Walter nun schon einige Jahre, nicht persönlich, aber in so einem kleinen Ort kennt eben jeder jeden.
Für mich war Walters Hautarbeit abends die Durchgangsstraße für die abendliche touristische Flaniermeile ab- und später wieder aufzusperren. Darüber hinaus möglichst viel Präsenz zu zeigen.
Seid einigen Jahren gibt es in dem kleinen Ort nun auch Parkscheinautomaten und damit wurde das Betätigungsfeld von Walter enorm erweitert. Walter ist der ultimative Herrscher über alle öffentlichen Parkflächen.
Neben der Flanierabsperrung, der geforderten polizeilichen Präsenz läuft Walter nun unaufhaltsam von Auto zu Auto mit einem scharfen Blick durch die Windschutzscheibe auf das Armaturenbrett. Und sehr häufig wird er da nicht fündig, weil die Touristen nicht zum Zahlen von Parkgebühren in den kleinen Ort gekommen sind.
Und wenn Walter dann mal, wie schon so oft, durch eine Windschutzscheibe auf ein leeres Armaturenbrett schaut, ja dann, dann öffnet Walter lässig seine weiße Umhängetasche, holt den Ordnungswidrigkeitenblock raus und notiert den Fall.
Zack, fertig, nächstes Auto.
Jetzt komme ich ins Spiel. Wie schon geschrieben, ich bin häufiger in dem kleinen Ort und ich liebe es, abends in dem kleinen Ortszentrum, das ist da wo der Bus wendet, der kleine Lebensmittelladen, ein Bank- und Zigarettenautomat ist. Also ich sitze da genieße die Restsonne trinke einen Aperitif und beobachte die abendliche Szenerie.
Jetzt kommt noch Susanne ins Spiel. Natürlich weiß ich nicht, ob sie Susanne heißt. Der Name würde aber zu ihr passen. Susanne kommt aus München, jedenfalls laut Ihrem Autokennzeichen. Susanne hat in dem kleinen Laden eingekauft und ist nun dabei den Einkauf in dem Wagen zu verstauen. Fertig alles ist drin. Susanne steigt ein nimmt das Parkticket vom Armaturenbrett. Sie schaut auf das Parkticket, schaut auf die Uhr, steigt aus und sucht.
Genau in diesem Augenblick befährt die Szene, privat, zivil gekleidet und mit seinem privaten Auto. Er parkt sein Auto unweit von Susannes Wagen, ehe steigt aus, geht an Susanne vorbei, geht am Parkscheinticketautomaten vorbei in Richtung der kleinen Bar, in der ich gerade meinen abendlichen Aperitif trinke.
Susanne ruft Hallo, Walter dreht sich um, Susanne geht auf Walter zu und gibt ihm das noch nicht ganz abgelaufene Parkticket. „1Es sei noch eine gute halbe Stunde drauf“, meine ich gehört zu haben.
Walter schaut verdutzt, ist misstrauisch. Jetzt, ja, richtig Parkgebühren, klar – danke!
Susanne freut sich, dass sie jemanden eine Freude gemacht hat, steigt in ihr Auto und fährt ihres Weges.
Walter geht mit dem noch nicht ganz abgelaufene Parkticket zu seinem Auto, legt das Ticket auf das Armaturenbrett, schließt die Autotür, kontrolliert die richtige lesbare Position noch einmal durch die Windschutzscheibe und nimmt sein altes Ziel, die Bar, wieder auf.
Walter lächelt.

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